Otto Reichner

Lebenslauf

Liste der Bauwerke des Architekten:

- Villa von Bruno Vogel, Gudrichova 2252/41, Opava-Předměstí, 1929–⁠1930

- Städtisches Freibad, Jaselská 2081/35, Opava-Předměstí, 1929–⁠1931

- Wohnhaus des Tierarztes Alois Trabitsch, Zacpalova 1932/7, Opava-Předměstí, 1931–⁠1932

- Wohn- und Kaufhaus von Alexander Niedermeyer, Horní náměstí 381/67, Opava-Město, 1932–⁠1933

- Villa von August Lassmann, Tyršova 1863/26, Opava-Předměstí, 1932–⁠1933

- Villa von Erich Lassmann, Rooseveltova 1864/37, Opava-Předměstí, 1932–⁠1933

- Kaufhaus Huppert, Růžová 449/3, Opava-Město, 1934

- Kauf- und Wohnhaus Mandel, U Jaktařské brány 156/8, Opava-Město, 1934–⁠1936

- Wohn- und Kaufhaus der städtischen Sparkasse, Horní náměstí 170/24, Opava-Město, 1937–⁠1940

 

Der Architekt Otto Reichner wurde in die Familie des Beamten Otto Ignaz Reichner und seiner Frau Emilie Reichner, geb. Warsitzky, geboren. Sein Vater war jüdischer Herkunft, seine Mutter war katholisch, weshalb O. I. Reichner noch vor seiner Hochzeit zum katholischen Glauben konvertierte.

Otto Reichner besuchte das Troppauer Realgymnasium und studierte danach Bauingenieurwesen und Architektur an der Technischen Universität Wien. Anschließend arbeitete er in Wien, Berlin und Hamburg. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Troppau (Opava) erarbeitete er Anfang 1927 einen Entwurf für den Umbau des Kaufhauses Breda & Weinstein, die Eigentümer entschieden sich jedoch für den Vorschlag von Leopold Bauer. Reichner war in den Jahren 1927–⁠1928 allerdings als Bauleiter am Um- und Neubau des Kaufhauses nach Bauers Plänen beteiligt, bevor er im Anschluss sein eigenes Planungsbüro eröffnete. In Reichners Projekten finden sich sowohl traditionelle Architekturmuster als auch Inspirationen aus der modernen Architektur. Er verwendete Motive, Elemente und Formen aus dem Klassizismus, dem Dekorativismus und dem Expressionismus und verband sie mit einem zurückhaltenden Ausdruck der Neuen Sachlichkeit. Sein erstes richtungsweisendes Werk war die Villa von Bruno Vogel aus den Jahren 1929–⁠1930, bei der er Formen eines traditionellen Walmdachhauses mit Motiven der Symmetrie und der Moderne kombinierte.

Im Jahr 1929 gewann Otto Reichner den ersten Preis im Wettbewerb für den Entwurf des städtischen Freibads in Troppau. Das Projekt, das in den Jahren 1930–⁠1931 realisiert wurde, war ein Erfolg und brachte ihm weitere Aufträge ein. Für die Brüder August und Erich Lassmann entwarf Reichner zwei Villen in der Nähe des historischen Zentrums von Troppau. In den Häusern, die er in den Jahren 1932–⁠1933 realisierte, verband er traditionelle Innenarchitektur mit modernen Prinzipien. Beim zeitgleich errichteten Mietshaus des Tierarztes Alois Trabitsch griff er Formen der Neuen Sachlichkeit auf und ergänzte sie mit einem expressiv gestalteten Treppenhausrisalit sowie hofseitigen, schiffsdeckartigen Loggien. Moderne Formen verwendete Reichner auch bei der Erweiterung des Kaufhauses Huppert in der Straße Růžová im Jahr 1934. In den Jahren 1934–⁠1936 entwarf er das Kaufhaus und Wohngebäude Mandel in der Straße U Jaktařské brány, wobei er sich zwischen Tradition und Neuer Sachlichkeit bewegte. Reichners auffälligstes Projekt im historischen Zentrum von Troppau ist das Geschäfts- und Wohngebäude der Stadtsparkasse aus den Jahren 1937–⁠1940, das gegenüber der Marienkirche am Horní náměstí entstand. Zurückhaltend im Ausdruck ergänzte er hier das traditionelle Motiv eines dreiteiligen Tores mit einem hyperrealistischen Relief des Bildhauers Josef Obeth, das von der Arbeit des deutschen Bildhauers Arno Breker inspiriert war, dessen Ausdruck die offizielle Form der Skulptur in NS-Deutschland darstellte.

Aufgrund der politischen Entwicklungen, der Angliederung von Troppau und der umliegenden Region an das Deutsche Reich und wahrscheinlich auch wegen seiner jüdischen Herkunft zog Reichner 1938 in die Slowakei, wo er in Rajecké Teplice und Žilina tätig wurde. Seine dortigen Projekte zeigen den Einfluss der italienischen Architektur des modernen Klassizismus und ein ausgeprägtes Streben nach Monumentalität – insbesondere das Repräsentationshaus (heute Městské divadlo Žilina, dt. Stadttheater) aus den Jahren 1941–⁠1946 sowie die Verbindungstreppe mit den Balustraden hinter dem Abschluss der Stadtpfarrkirche der Heiligen Dreifaltigkeit in Richtung Námestie Andreja Hlinku. Beim Entwurf für den Restaurantpavillon „Kamélie“ in Žilina griff er auf Formen an der Grenze zwischen Neuer Sachlichkeit und Expressionismus zurück, die er bereits bei seinen Plänen für das städtische Freibad in Troppau einsetzte. Das Bauwerk in Žilina wurde jedoch in jüngerer Vergangenheit radikal postmodern umgestaltet.

Im Jahr 1960 zog Reichner nach Westdeutschland, wo er im folgenden Jahr in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Gelnhausen starb. Otto Reichner war die bedeutendste Persönlichkeit der Troppauer Architektur der Zwischenkriegszeit. Es gelang ihm, Inspirationen der internationalen modernen Architektur in ihrer expressiven, dekorativen wie auch sachlichen Ausprägung umzusetzen und diese Varianten gleichzeitig mit dem eher konservativen Geschmack der Troppauer Bauherren in Einklang zu bringen.

MSt

Auswahl weiterer Werke

Außerhalb von Troppau realisierte Bauwerke:

- Jeseník, Stadtteil Lázně Jeseník, Priesnitzova 268/14, Kurhaus Annenhof (Anenský dvůr, Umbau 1934–⁠1935)

- Žilina, Slowakei, Tajovského 1991/1, Restaurant Kamélie, 1941–⁠1942, mehrmals radikal umgebaut, heute Pension Kamélia

- Žilina, Slowakei, Námestie Andreja Hlinku, Balustrade und Treppenhaus unterhalb der Pfarrkirche, 1941–⁠1944

- Žilina, Slowakei, Horný val 1/3, ursprünglich als Haus der katholischen Kultur und Erziehung geplant, nach 1945 als Repräsentationshaus fertiggestellt, später umbenannt in Bezirkstheater der Werktätigen, heute Městské divadlo (Stadttheater), 1941–⁠1946

Quellen

Literatur

  • Romana Rosová – Martin Strakoš (eds.), Průvodce architekturou Opavy, Ostrava 2011, S. 334 a 351.
  • Peter Štanský, Príbeh budovy, Almanach Mestského divadla Žilina, Žilina 20., S. 10–15.
  • Emanuel Zapletal, Die Familie Reichner, Troppauer Heimat-Chronik, Folge 180, Jänner 1965, S. 6–7.