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Bäder, Wassersport und Schwimmen gehörten seit dem 19. Jahrhundert zu wichtigen Elementen des städtischen Alltags und der Hygiene. Ein Bad nahmen die Stadtbewohner überwiegend in den städtischen Badeanstalten, da sich das Badezimmer erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum eigenständigen Teil der Wohnungseinrichtung entwickelte und bis zur Mitte des Jahrhunderts vor allem höheren und mittleren Gesellschaftsschichten vorbehalten blieb.
Troppau (Opava) ließ bereits im Jahr 1875 ein Männerbad am Mühlgraben errichten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Bad durch ein eigenständiges Freibad in der Straße Rybářská ersetzt, das erst nach dem Bau des modernen Stadtbads geschlossen wurde. Im Jahr 1929 schrieb die Stadt einen internationalen Architektenwettbewerb zur Gestaltung des städtischen Freibads mit einer Kapazität von 3 000 Personen am Mühlgraben in der Nähe des Stadtparks aus. Troppau beabsichtigte damit, seinen Ruf als Residenzstadt mit modernen Freizeit-, Sport- und Hygieneeinrichtungen zu festigen.
Den ersten Platz belegte der Troppauer Architekt Otto Reichner mit seinem Entwurf „Für Heute und Morgen“. Zweiter wurde der Dresdner Architekt Hans Vassak, dritter der aus Olmütz (Olomouc) stammende Wiener Architekt Jacques Groag. Der Architekt Paul Engelmann, ebenfalls ein Olmützer und Loos-Schüler, bekam einen Sachpreis zugesprochen. Reichners Plan wurde gewählt, weil es ihm gelang, die Schlichtheit der Neuen Sachlichkeit mit den künstlerischen Formen des Dekorativismus und der Emotionalität des Expressionismus zu verbinden, womit er den Vorstellungen der Stadtoberen sowie der Jury entsprach. Er verlieh dem Projekt eine symmetrische Gesamtform im Geiste des modernen Klassizismus. Dies brachte Reichner im Hauptgebäude durch eine symmetrische Anlage zum Ausdruck, im Hinblick auf die Ornamentik durch die Gliederung der Pfeiler aus Sichtziegelmauerwerk, die in Form von regelmäßig angeordneten Lisenenrahmen die Fassaden rhythmisieren. Der dekorative Akzent zeigte sich auch im profilierten Kranzgesims und im Rankgitter im oberen Teil des Gebäudes. Linienförmige Elemente definieren dort schlichte, mit Kornputz (Brisolit) verputzte Wandflächen und formen zugleich die Gebäudesilhouette. Die nautische Anmutung der Metallgeländer und weiterer Elemente verlieh dem Freibad eine poetische Atmosphäre, genauso der Einsatz von Elementen, die an Häfen und moderne Passagierschiffe erinnern. Reichner komplettierte diese Wasserwelt durch die Linienführung der Balkone, der Rohrgeländer und der Stahlbetonrahmen im zweiten Stock, wo sich eine Terrasse mit individuell vermietbaren Einzelzimmern befand.
Auf eine ganz ähnliche Formensprache griff Reichner einige Jahre später in seinen Plänen für das Restaurant Kamélie im slowakischen Žilina zurück, wo er für den in eine Parklandschaft eingebetteten Pavillon eines Sommerrestaurants eine ganz ähnliche Stahlbetonkonstruktion sowie Rohrgeländer einsetzte.
Das Hauptgebäude des Troppauer Freibads ist im Erdgeschoss mit Verkaufsräumen und einfach gestalteten Umkleideräumen mit Sitzbänken und einzelnen abschließbaren Holzschränken ausgestattet. Im Obergeschoss befindet sich ein Café mit restaurierter dekorativer Wandbemalung und Repliken von Rohrmöbeln. Der lichtdurchflutete Raum ist zu dem hundert Meter langen und fünfundzwanzig Meter breiten Schwimmbecken mit Sprungbrettern ausgerichtet. Auf dem Dach waren Bereiche für Sonnenliegen und Nudisten vorgesehen. Zu diesem oberen „Deck“ gehören die bereits erwähnten, einfach eingerichteten Räume, die zur Vermietung vorgesehen waren.
Die feierliche Eröffnung des Freibads fand am Sonntag, den 28. Juni 1931 statt, als begeisterte Schwimmer erstmals die Becken der modernen Sportanlage erproben konnten. Ebenso konnten sie zum ersten Mal die imposante Gesamtanlage mit einem 50-Meter-Becken für Schwimmer, dem angrenzenden Nichtschwimmerbecken und dem ovalen Kinderplanschbecken bewundern. Letzteres ergänzte der Architekt mit einer expressiv gestalteten Wassermann-Statue aus Saubsdorfer Marmor, geschaffen vom schlesischen Bildhauer Josef Obeth. Der ursprüngliche Plan war jedoch viel ehrgeiziger, sollte das Sportgelände doch außerdem Tennisplätze mit einem Klubhaus sowie eine Tanzfläche umfassen. Die Wirtschaftskrise verhinderte die Umsetzung im ursprünglich geplanten Umfang. Das Gelände des städtischen Freibads wurde anschließend einer Reihe zweckmäßiger Anpassungen unterzogen, darunter der Abriss des Musikpavillons. Erst die denkmalpflegerische Restaurierung in den Jahren 2006–2007 nach Plänen der Gesellschaft Slezská projektová společnost, a. s. und des Architekten Petr Šmarda gab dem Freibadareal weitgehend seinen ursprünglichen Geist zurück und ermöglichte zugleich die Modernisierung der technischen Einrichtungen vor Ort. Es entstand auch eine Replik des einst abgerissenen Musikpavillons im Bereich zwischen den Schwimmbecken und dem Eingangsgebäude. Der Sprungturm dient hingegen nicht mehr seinem Zweck. Leider wurde das Freibad Mitte September 2024 durch eine extreme Überschwemmung beschädigt, die einen großen Teil Schlesiens einschließlich Troppau traf. Beschädigt wurden der Hauptpavillon, seine Innenausstattung sowie betriebstechnische Anlagen des Freibads. Derzeit erfolgt die umfassende Sanierung der denkmalgeschützten Anlage. Trotzdem ist das Freibad seit Ende Mai 2025 für die Öffentlichkeit zugänglich, die Reparaturarbeiten werden jedoch auch während der Saison fortgesetzt, um die Restaurierung bis zum Jahresende abzuschließen.
MSt