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Der Teil eines Villenensembles unweit des historischen Stadtzentrums an der Ecke der Straßen Tyršova und Rooseveltova stellt das markanteste Beispiel von Villenbauten der 1930er Jahre für die höhere Gesellschaftsschicht dar. Die Häuser zeugen davon, wie sich der führende Troppauer Architekt Otto Reichner eine romantisierende Reflexion der damaligen modernen Architektur vorstellte.
Familie Lassmann gehörte Anfang der 1930er Jahre zu den führenden Unternehmerfamilien in Troppau (Opava). August Lassmann (1857–1921) war in den 1880er Jahren nach Troppau gezogen und wohnte mit seiner Familie am Horní náměstí 38, wo er ein Geschäft für Eisenwaren betrieb. Da sein Geschäft florierte, konnte er seine beiden Söhne zum Jurastudium schicken. Beide setzten trotzdem später die Handelstradition der Familie fort. Der ältere Sohn, August Lassmann (1897–1972), ließ sich an der Ecke der genannten Straßen (Tyršova 1863/26) ein Haus errichten; sein jüngerer Bruder Erich Lassmann (1900–?) baute sich in der Rooseveltova 1864/37 eine Villa in direkter Nachbarschaft. Der Architekt beider Häuser, Otto Reichner, hatte sich zu Beginn der 1930er Jahre mit dem städtischen Freibad beim Stadtpark einen sehr guten Ruf in Troppau erworben. Es ist daher kaum verwunderlich, dass sich der Kunstliebhaber August Lassmann an ihn wandte, um auf dem zentrumsnahen Grundstück eine Doppelvilla entwerfen zu lassen. Der ältere der Brüder Lassmann beschäftigte sich kontinuierlich mit Kunst, schrieb Artikel über Theater und Musik für die deutschsprachige Zeitung Deutsche Post, unterstützte die lokale deutsche Kultur und pflegte eine Freundschaft mit Edmund Wilhelm Braun, dem Kunsthistoriker und Direktor des Schlesischen Landesmuseums in Troppau. Interessant ist auch, dass Braun in einer benachbarten Villa wohnte, sodass er August besuchen, sich mit ihm über Kunst austauschen und ihn beim Aufbau seiner Sammlung von Büchern und Kunstgegenständen unterstützen konnte. August Lassmann war finanziell so gut abgesichert, dass er sich voll und ganz seiner Leidenschaft widmen konnte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er der Architektur des Hauses große Aufmerksamkeit schenkte und die moderne Gestalt der Villa im Inneren durch historische und traditionalistisch gestaltete Möbel sowie Kunstsammlungen komplettierte, die sowohl sein Interesse an zeitgenössischer architektonischer Gestaltung als auch an der Tradition belegen.
Die Villa von August Lassmann in der Straße Tyršova 1863/26 besteht aus drei abgestuften prismatischen Baukörpern: der höchste im Norden ist dreistöckig, der mittlere zweistöckig, der südlich gelegene einstöckig. Alle drei Gebäudeteile sind mit Flachdächern gedeckt, wodurch der einstöckige und der ebenerdige Trakt über Terrassen verfügen; ursprünglich war sogar geplant, hier Dachgärten anzulegen. Der mittlere Baukörper ist etwas breiter und tritt in Form von zwei flachen Risaliten vor die Fassaden der beiden seitlichen Baukörper. In Bezug auf die Raum- und Grundrissgestaltung griff Reichner die Tradition einer englischen Villa mit einem zentralen Hallenraum auf. Die Grundstruktur des Hauses bildet eine Halle im Erdgeschoss, von der aus die Haupttreppe ins Obergeschoss führt. An die Halle schließt sich im Erdgeschoss ein Arbeitszimmer an, wobei zwischen beiden Räumen verglaste Schiebetüren eingebaut sind, die eine Verbindung ermöglichen. Dasselbe galt für den Wintergarten. Im ersten Stock befanden sich Schlafzimmer und private Wohnräume, mit Zugang zur Terrasse über dem Erdgeschoss. Im zweiten Stock befanden sich weitere Räume, darunter auch Betriebs- und Lagerräume. Im Souterrain befanden sich die Wohnung des Hausmeisters, die Waschküche, der Weinkeller und der Heizraum.
Die Villa von August war mit der benachbarten Villa von Ernst durch einen einheitlichen Zaun verbunden, der aus Bruchstein gemauert war und mit Drahtgeflecht ausgefüllte Betonrahmen aufwies. Die Kombination des traditionellen Materials Bruchstein mit Betonrahmen und Drahtgeflecht entspricht einer spezifischen Häusergestaltung an der Schnittstelle von Tradition (insbesondere die Innenräume) und moderner Architektur. In der Fassadengliederung beider Objekte wiederholte Reichner regelmäßig angeordnete, leicht rechteckige zweiflügelige Fenster, die er in Stuckrahmen einsetzte und mit traditionellen rechteckigen Fenstern, einflügeligen Fenstern, breiten Fenstern im Wohnzimmer sowie mit einem runden Fenster über dem Haupteingang variierte. Gleichzeitig kombinierte er Symmetrie mit asymmetrischen Partien und gestaltete so die Fassaden beider Villen. Dieses gestalterische Konzept wird durch die genannten rechteckigen Betonrahmen der Terrassengeländer und der Einfriedung ergänzt. Im Innenraum von August Lassmanns Villa zeigt sich das Zusammenspiel von Tradition und modernen Gestaltungsprinzipien besonders deutlich, etwa in der Ausführung der Treppengeländer, die mit dekorativen Motiven gestaltet sind, in der organischen Formgebung der Treppenläufe sowie in weiteren Elementen
Die Spannung zwischen dem Äußeren und dem Inneren der Villen spiegelt sich in den Biographien der Gebrüder Lassmann. Der Kunstliebhaber August Lassmann interessierte sich nicht nur für Theater und Musik, sondern sammelte auch bildende Kunst und präsentierte in den Räumen seines Hauses seine Sammlung von Porzellan, Gemälden, Grafiken und Skulpturen – von der Gotik über den Barock bis zum 19. Jahrhundert. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde er wie Museumsdirektor Braun Mitglied der NSDAP, unterstützte verschiedene nationalsozialistische Vereinigungen und blieb zugleich Troppau treu.
Nach 1945 wurde die Familie Lassmann in das spätere Westdeutschland ausgesiedelt, wo August Lassmann seine kulturellen Aktivitäten fortsetzte. Seine Troppauer Villa wurde vom Staatssicherheitsdienst (StB) genutzt, anschließend diente sie als Dienststelle der Öffentlichen Sicherheit (VB) und befindet sich heute im Eigentum der Polizei der Tschechischen Republik. Von außen ist die administrative Nutzung des Gebäudes kaum erkennbar, da die Fassaden unter Aufsicht der Denkmalpflege renoviert wurden und die ursprünglichen Fenster- und Türfüllungen erhalten geblieben sind. Im Gegensatz dazu lässt das heutige Erscheinungsbild der Innenräume überhaupt nicht erkennen, dass in der Villa einst ein Kunstliebhaber wohnte. Vom Verlust des ursprünglichen Zwecks und vom Lauf der Zeit zeugt auch der vernachlässigte Zustand des ursprünglichen Zauns sowie die mangelnde Instandhaltung des Gartens.
MSt