Bezirkskrankenkasse (heute Poliklinik)

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Dieser Platz entstand in den 1880er Jahren durch die Erweiterung der Blockbebauung entlang der Straße Olomoucká in südwestlicher Richtung sowie den Bau eines neuen Gerichtskomplexes, der die südöstliche Seite des Platzes hinter der Olomoucká bildet. Das Gebäude der heutigen Poliklinik vervollständigte die nördliche Ecke an der Einmündung der Straße Hany Kvapilové und Havlíčkova zum Platz. Der Bau entstand im Auftrag der Bezirkskrankenkasse und stellt eines der markantesten Beispiele für die Verbindung des neuen bzw. modernen Klassizismus mit dem Rondokubismus bzw. dem sogenannten Rundbogenstil der 1920er Jahre dar.

Im Jahr 1924 wurde ein Wettbewerb für die neue Gesundheitseinrichtung ausgeschrieben, für die ein Grundstück im südwestlichen Teil von Troppau (Opava) auf dem damaligen Wilson-Platz ausgewählt wurde. Der Entwurf von Jaroslav Stockar-Bernkopf wurde mit dem ersten Preis ausgezeichnet und zur Ausführung ausgewählt. Der Architekt war ein Spezialist für die Planung von Gesundheits- und Bildungseinrichtungen und arbeitete häufig im Auftrag von Krankenkassen. Im nahegelegenen Ostrau (Ostrava) entwarf er das in den Jahren 1928–⁠1929 erbaute Direktionsgebäude der Berg- und Hüttenwerksgesellschaft und plante gemeinsam mit dem Architekten Karel Roštík das Sozial- und Gesundheitsamt des Bezirks, das von 1931 bis 1933 entstand.

Das dreiflügelige Gebäude für die Bezirkskrankenkasse in Troppau konzipierte Stockar-Bernkopf als Verbindung eines an der Ecke gelegenen Hauptflügels mit einer sechsachsigen, zum Platz hin ausgerichteten Schaufassade und einem vorspringenden, vierachsigen Mittelrisalit, der im Erdgeschoss durch bossierte Pfeiler betont ist. Die Pfeiler tragen eine Arkade über der Eingangstreppe zum Hauptportal. Die Front ist im ersten Obergeschoss und an den Seiten des Risalits durch Lisenenrahmen gegliedert, die die einzelnen Fensterachsen rhythmisieren. Über dem mit Mutuli geschmückten Kranzgesims erhebt sich im Bereich des Risalits eine Attika mit einem dreieckigen Giebel, in dem eine figurale Skulpturengruppe aus Sandstein eingelassen ist. Das Werk des Bildhauers Josef Kubíček zeigt einen Vater und eine Mutter mit einem kleinen Kind. Im Erdgeschoss des Gebäudehauptteils befindet sich ein Vestibül, das die einzelnen Gebäudeflügel miteinander verbindet. An den zur Straße hin orientierten Fassaden kommen Kreisornamente in den Brüstungsfeldern des ersten Stockwerks deutlich zur Geltung.

Das Gesamtwerk weist Formen des modernen Klassizismus auf; der Rundbogenstil der jungen Tschechoslowakischen Republik zeigt sich in der Gestaltung der erwähnten Kreis- bzw. Zylindermotive sowie in den abgerundeten Konsolen des Eingangsportikus. Ein gewisser Einfluss lässt sich möglicherweise auch in der Gestaltung des abgerundeten Verbindungstrakts zur Straße Hany Kvapilové hin erkennen. Was den Stil der erwähnten Skulpturengruppe Kubíčeks betrifft – sie zeigt  ein kleines Kind, das zwischen den Figuren seiner Eltern steht: rechts vom Kind kniet die Mutter, deren Gewand über den linken Arm drapiert ist, mit dem sie  das Kind hält; links vom Kind kniet der Vater mit einem Überwurf in den Händen, an dem sich das Kind mit der rechten Hand festhält –, so gestaltete der Künstler dieses Werk in einem sozialrealistischen Stil, der für einen bestimmten Teil der tschechischen und mitteleuropäischen Bildhauerei der 1920er Jahre charakteristisch ist und oft zur Ergänzung von Werken des Rundbogenstils bzw. des Rondokubismus herangezogen wurde.

Architekt Jaroslav Stockar-Bernkopf orientierte sich bei diesem Projekt – wohl auch aufgrund seiner eigenen konservativen Haltung, der konservativen Haltung des Bauherrn und der konservativen Haltung des damaligen Troppau – am Konzept eines modernen Klassizismus und setzte die übrigen Gestaltungsmittel nur als ergänzende Formen ein, um den Gesamtausdruck des Gebäudes zu akzentuieren.  Das Gebäude war in Troppau jedoch nicht nur als medizinische Einrichtung bekannt. Im Souterrain, unter dem Wartebereich im Vestibül, befand sich das Kino Elektra, das 2007 geschlossen wurde.

MSt

Literatur

  • Jaromíra Knapíková – Zdeněk Kravar, Opavský uličník, Opava 2017, S. 141.
  • Romana Rosová – Martin Strakoš (eds.), Průvodce architekturou Opavy, Ostrava 2011, S. 203 a 335.
  • Tomáš Skalík, Tiché dominanty veřejného prostoru. Opavské sochy II. – opavská předměstí, Opava 2013, S. 81 a 138.
  • Vladimír Šlapeta – Jindřich Vybíral – Pavel Zatloukal, Opavská architektura let 1850–⁠1950, Umění 34, 1986, S. 234.
  • Jindřich Vybíral, Opavská architektura v letech 1918–⁠1929, Časopis Slezského muzea, série B – vědy historické, 35, 1986, S. 175.