Villa von Radim Hess

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Es handelt sich um das erste funktionalistische Haus in Troppau (Opava), das in reiner Form und souverän zurückhaltender Ausführung die Ideen der europäischen architektonischen Avantgarde in die Region brachte.

Der Rechtsanwalt Radim Hess lernte das avantgardistische Schaffen der jungen Architekten Lubomír (1908–⁠1983) und Čestmír Šlapeta (1908–⁠1999) auf der Ausstellung des Mährisch-Schlesischen Verbandes Bildender Künstler kennen, die im Herbst 1933 im Haus der Kunst in Ostrau (Ostrava) stattfand. Radim Hess beeindruckten die ausgestellten Arbeiten dieses Architektenduos so stark, dass er beschloss, den Brüdern einen Auftrag zu erteilen. Gleichzeitig erwarben er und seine Frau Ellen Hess von der Baugenossenschaft Spořilov ein Grundstück im damaligen Stadtviertel Kommende (Na Komendě) im südwestlichen Troppau, wo damals ähnlich wie am Gilschwitzer Hügel (Kylešovský kopec) auf der anderen Seite der Stadt Einfamilienhäuser und Villen entstanden.

Die Ausführung übernahm die Baufirma Förster und Unger aus Hultschin (Hlučín), die zuvor bereits die von den Brüdern Šlapeta entworfene Kremmer-Villa realisiert hatte. Die Arbeiten begannen im April 1934 und wurden im Dezember desselben Jahres abgeschlossen, während sich die behördlichen Verfahren noch bis ins folgende Jahr hinzogen. Das Haus verkörpert die Suche nach einem Idealtypus mit kompaktem Grundriss, der die Fläche von 80 m² nicht überschreiten durfte, damit die Eigentümer in den darauffolgenden 25 Jahren von einer Steuerbefreiung für Immobilien profitieren konnten. Sein Grundriss ist mehrgliedrig, die Basis bildet jedoch ein Rechteck. An der nordöstlichen Ecke verjüngt sich der rechteckige Grundriss durch einen Rücksprung. Zugleich wird die südliche Gartenfassade mit einem quadratischen Wintergarten-Anbau ergänzt, der auf der Ebene des Obergeschosses eine Terrasse bildet. Aufgrund dieser Lösung, bei der die Architekten einen kubischen Baukörper um einen Wintergarten erweiterten, lässt sich die Villa einer größeren Gruppe von Bauten zuordnen, bei denen ähnlich verfahren wurde und einfache Baukörper durch einen Risalit oder Wintergarten erweitert wurden. Ein Beispiel dafür ist die Villa von Karel Urbánek in Schlesisch Ostrau (Slezská Ostrava) aus den Jahren 1933–⁠1934, ebenfalls ein kubischer Baukörper mit rechteckigem Grundriss, dessen Hauptwohnraum durch einen Wintergarten ergänzt wird, dort jedoch konisch geformt und auf schlanken Stahlstützen über dem Gelände aufgesetzt.

Die einzelnen Gebäudefronten der Hess-Villa werden durch individuell gestaltete Bandfenster gegliedert; in der nördlichen Front zur Straße befindet sich der Haupteingang mit einer äußeren Zugangstreppe, überdacht von einer markanten, auskragenden Markise. Schon in diesem ersten Troppauer Beispiel aus dem Schaffen der Gebrüder Šlapeta sind bestimmte gemeinsame Prinzipien in der funktionalen Disposition der einzelnen Geschosse zu erkennen.  Unmittelbar hinter dem Eingang an der nördlichen Fassade befindet sich die Diele. Von hier sind sowohl die Wohnhalle mit Essbereich im südlichen Gebäudetrakt als auch die Küche und die Toilette im nördlichen Trakt zugänglich. Außerdem führt von der Diele eine Treppe in den Keller, da das Haus vollständig unterkellert ist. Die funktionale Raumaufteilung wird auch im Obergeschoss deutlich, wo man von der Halle aus zwei Schlafzimmer im südlichen Trakt betritt, deren Bandfenster nach Süden zum Garten zeigen. Das dritte Schlafzimmer mit einem französischen Fenster ist zum Garten nach Westen orientiert. Von der Halle aus gelangt man auch ins Badezimmer an der nordöstlichen Ecke. Von dort führt ein Wäscheschacht bis zum Waschraum im Keller. Neben dieser modernen Einrichtung, die von amerikanischer Architektur inspiriert ist, setzten die Architekten bei der Hess-Villa weitere moderne Konstruktionen und Materialien ein. Der Keller wurde aus Stampfbeton errichtet, die Decke darüber aus Stahlbetonbalken. Die weiteren Decken basieren auf einem Rippendeckensystem mit starren Keramikeinlagen Simplex-Rekord. Die Räume waren mit verschiedenfarbigen Gummiböden auf Xylolith-Basis ausgelegt, mit dunkelgrauen, schwarz-weißen, blauen und sandbraun marmorierten Mustern. Teil der Ausstattung waren auch maßgefertigte Einbaumöbel, hergestellt von der Tischler- und Möbelbaufirma ICOS aus Troppau.

Nach dem Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland im Oktober 1938 musste die Familie Hess Troppau verlassen und zog ins nahe gelegene Mährisch Ostrau (Moravská Ostrava); erst nach der Befreiung kehrte sie zurück und änderte zugleich ihren Nachnamen in Květ. Später zog die Familie nach Brünn (Brno).

Die Architekten Lubomír und Čestmír Šlapeta hatten an der Kunstakademie Breslau (Wrocław) bei Hans Scharoun studiert, der zu den wichtigen Vertretern der avantgardistischen funktionalistischen und organischen Architektur gehörte. Gleichzeitig bewunderten die Brüder die Formen von Dampfschiffen, Autos und Flugzeugen und arbeiteten kreativ mit diesen Vorbildern. Die Villa von Radim Hess stellt eine Variation dieses Themas dar und gehört zu einer größeren Gruppe von Einfamilienhäusern und Villen in zurückhaltender kubischer Gestaltung der Brüder Šlapeta, in denen sie den erwähnten Typenplan mit dem Motiv eines an die Südfront angebauten Wintergartens kombinierten.

 

MSt

Literatur

  • Romana Rosová – Martin Strakoš (eds.), Průvodce architekturou Opavy, Ostrava 2011, S. 93 a 336.
  • Martin Strakoš, Průvodce architekturou Ostravy, Ostrava 2009, S. 295–297.
  • Vladimír Šlapeta – Jindřich Vybíral – Pavel Zatloukal, Opavská architektura let 1850–⁠1950, Umění 34, 1986, S. 238.
  • Vladimír Šlapeta, Vila Radima Hesse, in: Jindřich Vybíral (ed.), Slavné vily Moravskoslezského kraje, Praha 2008, S. 131–133.
  • Jindřich Vybíral, Opavská architektura v letech 1930–⁠1938, Časopis Slezského muzea, série B – vědy historické, 36, 1987, S. 269.
  • Pavel Zatloukal a kol. Lubomír Šlapeta (1908–⁠1983) – Čestmír Šlapeta (1908–⁠1999). Architektonické dílo / Architectural Work, Olomouc 2003, S. 123–124.