Zum Objekt
Die fehlende Möglichkeit, die tschechische Bevölkerung in Österreichisch Schlesien vor 1918 in landwirtschaftlichen Fachrichtungen auszubilden, führte nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik zur Errichtung einer höheren Landwirtschaftsschule in Troppau (Opava). Bereits 1920 nahm sie ihre Tätigkeit auf. Obwohl nur angemietete Räumlichkeiten zur Verfügung standen, begann der Unterricht schon im Oktober desselben Jahres. Im Jahr 1923 mietete die Schule vom Deutschen Orden einen Wirtschaftshof am südwestlichen Stadtrand Troppaus, und auf Anregung des Landwirtschaftsministeriums wurde ein Grundstück in der Nachbarschaft des Hofes für den Bau der Schule ausgewählt. Es handelt sich um ein Areal, das trotz fortschreitender städtebaulicher Entwicklung bis heute in landwirtschaftlich genutzte Flächen übergeht. In der ersten Hälfte der 1920er Jahre trug die heutige Purkyňova-Straße den deutschen Namen Verbindungsweg, da sie die Straße Otická mit der Straße Olomoucká verband.
Die Standortwahl ergab sich aus früheren Entwicklungen, als sich Troppau seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom historischen Kern aus in südwestlicher Richtung entlang der heute parallel verlaufenden Straßen Olomoucká, Englišova und Otická ausdehnte. Der Schulleiter František Drahný erarbeitete ein Konzept für den Neubau, woraufhin das Landwirtschaftsministerium die Architekten Jaroslav Stockar-Bernkopf und Hanuš Zápal (1885–1964) mit der Erstellung von Studien beauftragte. Ausgewählt wurde der Entwurf des Pilseners Zápal, vielleicht auch deshalb, weil der Architekt eigenen Angaben zufolge auf Elemente schweizerischer Schulen zurückgriff. Auf den Baubeginn im Juni 1925 folgte am 6. März 1927 die feierliche Eröffnung, am Vorabend von Tomáš Garrigue Masaryks Geburtstag.
Das dreistöckige Schulgebäude auf einem unregelmäßigen Grundriss in T-Form war Teil der Bemühungen, die Ausbildung in den landwirtschaftlichen Fachrichtungen zu verbessern und sollte zugleich die tschechische Position im überwiegend deutsch besiedelten Troppau sowie in der weiteren ländlichen Umgebung des damaligen tschechoslowakischen Schlesiens stärken. Der Schulkomplex wurde auf einem großzügig bemessenen und später parkartig gestalteten Grundstück am äußersten Stadtrand errichtet und ist mit der Fassade zur Einmündung der heutigen Straße Englišova hin ausgerichtet. Der symmetrisch angelegte Bau besteht aus einem Hauptflügel mit neun Achsen und einem mittleren, dreiachsigen Portal, das von einem schmucklosen Gebälk dominiert wird, einem horizontalen Element auf vertikalen Stützen, das das Staatswappen trägt.
Architekt Zápal gliederte das Gebäude in vier Sektionen. Den Hauptflügel strukturierte er symmetrisch nach klassizistischen Prinzipien, ging dabei aber kreativ vor, sodass jede Sektion unterschiedlich gestaltet wurde. Die Front des Hauptflügels teilte er in drei horizontale Ebenen. Die Basis bildet ein mit Stein verkleideter Sockel, der Hauptteil wird durch die Fassade des Erdgeschosses und des Obergeschosses gebildet. Das Erdgeschoss ist mit Streifenrustika rhythmisiert und durch ein Überfenstergesims sowie ein Brüstungsgesims gegliedert. Auf Höhe des ersten und zweiten Obergeschosses wird die glatte Fassade durch stuckverzierte Lisenen- und rechteckige Brüstungselemente ergänzt. Der Abschluss erfolgt durch ein einfaches Kranzgesims mit Attika. In leicht abgewandelter Form sind die Fassaden der seitlich abgesetzten Flügel ähnlich gestaltet. Obenauf sitzt ein Walmdach, gedeckt mit gebrannten Ziegeln. An der Schnittstelle der Erschließungskorridore im Hauptflügel befindet sich auf der Ebene der einzelnen Geschosse ein Hallenraum, an den sich das zentrale zweiläufige Treppenhaus anschließt. Dies lässt den Schluss zu, dass Zápal und der Bauherr moderne Unterrichtsmethoden berücksichtigten und in ihre Planungen auch die Reformbemühungen für Verbesserungen des Unterrichts und der Pausengestaltung mit einbezogen. Dies belegt möglicherweise auch Zápals Hinweis in der Studie, er habe sich für den Entwurf durch Schweizer Schulen inspirieren lassen, wie Petr Domanický in seiner Monografie über Leben und Werk von Zápal schreibt. Im Südflügel befindet sich das Direktorat, ursprünglich waren hier zudem die Wohnungen des Direktors und des Personals untergebracht. Im Nordflügel platzierte der Architekt die Turnhalle und die Aula.
Das Gebäude wurde in einer Kombination aus Ziegelmauerwerk und Stahlbetonkonstruktionen errichtet, aus denen sich die Balkendecken über den Haupträumen formen. Das Bauwerk ist ein charakteristisches Beispiel des modernen Klassizismus, der sich in den 1920er Jahren als prägender Stil bei der Planung und Errichtung neuer Institutionen der jungen Tschechoslowakischen Republik etablierte; zugleich ist es auch charakteristisch für Zápals Schaffen in den 1920er Jahren. Das belegen unter anderem die Höhere Landwirtschaftsschule in Pilsen (Plzeň), die bereits 1924 nach seinem Entwurf fertiggestellt wurde, sowie weitere Schulbauten, die vor allem in Pilsen und im südwestlichen Böhmen entstanden.
Bis heute ist das von Zápal in Troppau realisierte Schulgebäude in einem intakten Zustand erhalten geblieben, einschließlich eines Teils der ursprünglichen Innenausstattung. Im weiteren räumlichen Kontext von Tschechisch-Schlesien und Nordmähren stellt es hinsichtlich seiner Kontinuität und seines Erhaltungsgrades ein beeindruckendes und seltenes Denkmal der Schulbauarchitektur in der Ära der Ersten Tschechoslowakischen Republik dar.
MSt