Zur Epoche 1850–1918
Troppau war seit Mitte des 18. Jahrhunderts, als Maria Theresia den Großteil Schlesiens verlor, die Landeshauptstadt von Österreichisch-Schlesien. Die Stadt gehörte damit zu einer Gruppe von mittelgroßen Hauptstädten der Kronländer, die politisch, wirtschaftlich und kulturell eng mit Wien verknüpft waren – also mit einer Stadt, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer Weltmetropole entwickelte. Diese enge Beziehung spiegelte sich im Wandel der örtlichen Architekturkultur wider, der den allgemeinen zeitgenössischen Strömungen folgte: Modernisierung, Industrialisierung und Urbanisierung sowie eine gleichzeitige Nationalisierung des mitteleuropäischen Raums. Parallel dazu vollzog sich die Herausbildung einer bürgerlichen Gesellschaft, in der die Aristokratie ihre dominierende Rolle im öffentlichen Raum allmählich verlor, während die höheren und mittleren Schichten des Bürgertums und später auch die Arbeiterschaft einen Aufstieg erlebten. Der bauliche Wandel Troppaus vollzog sich im historischen Stadtkern, der von Parks umgeben war und von einem Gürtel aus Bildungs- und Kultureinrichtungen, repräsentativen Gebäuden, Palästen und Mietshäusern gesäumt wurde. Auch die Troppauer Vorstädte veränderten sich deutlich: Sie wurden mit neuen Typen architektonischer Objekte und Anlagen bebaut, darunter Schul- und Gesundheitseinrichtungen, Krankenhäuser, Militärbauten, städtische Infrastruktur, neue öffentliche Plätze sowie Bauwerke, die mit der Entwicklung der Wohnbebauung und des öffentlichen Nahverkehrs einhergingen, also der Eisenbahn und dem städtischen Verkehrsnetz. An den Veränderungen der Stadt waren zahlreiche Architekten, Baumeister und Planer beteiligt, von denen die meisten ihre Ausbildung in der Region, im weiteren Kontext Mährens und Schlesiens oder in Wien erhielten. In Troppau wirkten sowohl Architekten aus Wien – wie Ludwig Förster, Hubert Gessner, Franz Kachler, Alfred von Stutterheim und Ludwig Tischler – als auch in Troppau ansässige Architekten, darunter Viktor Bartel, Johann Kallita, Karl Köchlin, Adolf Müller u. a. Dazu kamen zahlreiche Baumeister wie August Bartel, Alois Geldner, Moritz Hartel, Josef Hruschka, Karl Kern jun., Hubert Kment, Julius Lundwall u. a. sowie der Stadtbauingenieur Eduard Labitzky. In diesem Zusammenhang spielten das Landesamt, ferner das städtische Bauamt sowie auch private Unternehmer, die im Bereich der Architektur und des Bauwesens tätig waren, eine wichtige Rolle. Für die meisten von ihnen war Wien sowohl die primäre Inspirationsquelle als auch der Ort ihrer Ausbildung. Auf der Ebene der stilistischen Entwicklung wie auch vor dem Hintergrund der sozialen und politischen Veränderungen der Gesellschaft verkörperte die Donaumonarchie das bestimmende Zentrum für die architektonische Kultur dieses regionalen Zentrums. Dies gilt sowohl für die Epoche des architektonischen Historismus (romantischer, strenger und später Historismus) als auch im Zusammenhang mit der aufkommenden Moderne und des damit einhergehenden vegetabilen und geometrischen Jugendstils. Wien spielte auch nach 1918 eine wichtige Rolle für Troppau und Umgebung, als sich die Stellung der Stadt und natürlich auch der architektonische Diskurs sowie der Modus der zeitgenössischen Produktion deutlich veränderten.