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Der ungewöhnliche, moderne Kirchturm, der einem amerikanischen Wolkenkratzer nicht ganz unähnlich ist und von einem Baldachin mit einem lateinischen Betonkreuz gekrönt wird, ist schon aus der Ferne sichtbar. Er stellt ein charakteristisches modernes Wahrzeichen von Troppau (Opava) dar, ohne den die Stadtsilhouette heute kaum noch vorstellbar ist. Der Turm musste sich von 1945 bis Ende der 1990er Jahre ohne die erwähnte Kreuzbekrönung begnügen, da diese im April 1945 während der Kriegskämpfe zerstört wurde. Auf dem Turm befand sich nämlich eine Beobachtungsstation der Deutschen Luftwaffe, wodurch die erwähnte vertikale Struktur zum Ziel herannahender Truppen wurde. Die Kirche wurde bereits während des Krieges als Lager für Kriegsmaterial genutzt, verfiel anschließend ungenutzt und diente von 1955 bis 1989 als Lager für medizinisches Material. Erst in der ersten Hälfte der 1990er Jahre konnte sie endgültig fertiggestellt und 1993 schließlich geweiht werden.
Das Areal entlang der Straße nach Freudenthal (Bruntál) und Jägerndorf (Krnov) gehörte zur Grätzer Vorstadt (Hradecké předměstí) von Troppau. Seit dem Jahr 1789 wurde das Gelände, auf dem später die St. Hedwigskirche entstehen sollte, als Friedhof genutzt, was sich in den früheren Bezeichnungen „Am Friedhof“, später „Alter Friedhof“ widerspiegelt. Der Friedhof wurde erst 1891 aufgelöst, als im Süden Troppaus in der Nähe der Straße Otická ein neuer Friedhof entstand. Nach dem Ersten Weltkrieg kam der Gedanke eines Kirchenneubaus in diesem westlichen Teil der Stadt auf. Er sollte als Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges dienen und der Schutzpatronin Schlesiens, der heiligen Hedwig, geweiht werden. Die Überlegungen reichen bis in die 1890er Jahre zurück, als der Pfarrer und Lehrer am Troppauer Gymnasium, P. Josef Eichler, auf die Idee kam, in Troppau eine Kirche zu errichten, geweiht der Schutzpatronin Schlesiens. Zu diesem Zweck gründete er eine Stiftung, in die er 6 000 Gulden einbrachte. Anschließend wurde nach einem geeigneten Platz für den Kirchenbau gesucht, und während des Ersten Weltkriegs kam der Gedanke hinzu, das Gotteshaus zugleich als Denkmal für die Kriegsopfer zu gestalten. Den ersten Entwurf legte bereits 1928 der Architekt Adolf Müller vor, ein weiterer Entwurf stammte von dem Architekten Karl Gottwald. Doch erst mit dem Kauf des ehemaligen Friedhofsgeländes nahm der Plan zum Bau eines neuen Kirchenraums konkrete Gestalt an. Im Dezember 1931 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich Architekten aus dem damaligen tschechoslowakischen Schlesien beteiligen durften. In der Jury saßen der Bürgermeister der Stadt Ernst Franz, der Propst Paul Heider, der Direktor des Schlesischen Landesmuseums Edmund Wilhelm Braun, der Maler Adolf Zdrazila, der Bildhauer Josef Obeth sowie die Architekten Erich Geldner und Jan Rubý. Die Entscheidung fiel im Frühjahr 1932. Mit dem ersten Preis wurde der Entwurf des Architekten Leopold Bauer ausgezeichnet, den zweiten Preis erhielt Oskar Wittek und der dritte Preis ging an Wilhelm Schönn aus Freudenthal. Anschließend arbeitete Bauer den Entwurf weiter aus. Der offizielle Baubeginn war Ende Juli 1932, und da es sich um eine anspruchsvolle Aufgabe handelte, zog sich die Fertigstellung des Gotteshauses bis Mitte 1937 hin.
Während Wittek seinen Wettbewerbsentwurf zu einem archetypischen Monument mit lapidarer Doppelturm-Fassade und expressionistischer Gliederung ausarbeitete, suchte Bauer nach einer Form für das Gotteshaus, die seinem eigenen Stil entsprach. Im Ergebnis vereinten sich eine Betonung der symbolischen Ebene mit einem spezifischen Akzent im Bereich der räumlichen, konstruktiven und gestalterischen Konzeption. Bauers ursprüngliche Studie, die seinem endgültigen Entwurf vorausging, sah die Errichtung eines großen Gotteshauses auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes vor, an den ein dreiachsiger, erhöhter Portikus in Baldachinform als Hauptfassade anschloss. Diesen Entwurf modifizierte er anschließend und entwickelte aus dem Portikus an der Hauptfront einen gestuften Turmkörper mit einem quadratischen Glockenturm, der von einem baldachinartigen Aufsatz mit lateinischem Kreuz bekrönt wird.
Bauers Entwurf auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes mit einem pyramidal dreifach gestuften Turmkörper basiert auf der Kombination eines modernen Tragwerks aus Stahlbetonskelett und dem mittelalterlichen Prinzip einer Raumhülle, die sich mit großen Fenstern zur Umgebung öffnet. Die Inspiration entsprang sowohl der mittelalterlichen Kunst als auch dem Werk des französischen Architekten Auguste Perret, der Stahlbeton als konstruktive und künstlerische Grundlage der architektonischen Gestaltung meisterhaft in Szene setzte. Bauer wendete in seiner gewählten Lösung das Prinzip einer gestuften Turmdominante an und knüpfte damit an seine früheren Projekte an, die auf dem Vorbild amerikanischer Wolkenkratzer basierten. Das gilt insbesondere für Bauers nur fragmentarisch realisiertes Projekt der Österreichischen Nationalbank in der Nähe des Wiener Stadtzentrums, bei dem die geplante Turmdominante jedoch nicht umgesetzt wurde.
Das grundlegende Konstruktionsprinzip der Troppauer Kirche ist ein gemauertes Stahlbetonskelett, das nicht nur aus bautechnischen Gründen zum Einsatz kommt, sondern auch zur Rhythmisierung der Fassaden in Form von Lisenenrahmen dient, die durch ein Gefüge aus Lisenen/Pfeilern und Stürzen entstehen. Auf ihnen ruhen Gesimse, die mit lateinischen Inschriften bzw. Zitaten aus Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ verziert sind. Die auf diese Weise rhythmisierten Wände sind sowohl für den Turmkörper der Hauptfront als auch für die Seiten- und Rückfassaden des Hauptschiffs charakteristisch. Der zentrale Raum der Kirche ist einschiffig mit einem Querschiff. Das Hauptschiff wird von einem Segmentgewölbe aus Stahlbeton überspannt, die Seitenräume des Querschiffs und der Chorraum verfügen über Flachdecken. Der Grundriss des Presbyteriums – es ist genauso breit wie das Kirchenschiff – ist quadratisch. Die Übergänge zwischen Haupt- und Querschiff sowie Presbyterium werden durch die Stahlbetonrahmen der Konstruktion hervorgehoben, die aus prismatischen Eckpfeilern und Stürzen bestehen – ein Ausdruck des rationalen Prinzips der Raumgestaltung auf einer rationalen geometrischen Grundlage. Die klassisch angelegte geometrische Struktur des Grundrisses in Form eines lateinischen Kreuzes, kombiniert mit einem konstruktiven Skelettsystem, spiegelt die traditionelle Orientierung Bauers wider, der für dieses künstlerische Vorhaben auch moderne Konstruktionsprinzipien einsetzte.
Die verputzten Wände des Querschiffs und des Presbyteriums sind mit figuralen Wandmalereien des schlesischen Malers Paul Gebauer (1888–1951) ausgestattet. Das zentrale Gemälde mit einer besonders ausdrucksstarken Darstellung der Auferstehung Christi befindet sich an der Presbyteriumswand hinter dem Hauptaltar. Teil des Triumphbogens ist ein Gemälde mit dem thronenden Gottvater, Sohn und Heiligen Geist (die Heilige Dreifaltigkeit). Auf der Evangelienseite des Querschiffs befindet sich ein Wandbild Gebauers mit der Gottesmutter Maria als Himmelskönigin; auf der Epistelseite ein Bild der heiligen Hedwig als Patronin Schlesiens sowie weiteren Landespatronen der böhmischen Länder. Den Hauptaltar schmücken Reliefs der schlesischen Bildhauerin Helene Scholz-Zelezny (1882–1974). Der Haupteingang in die Kirche wird von einem dekorativ gestalteten Metallgitter des Troppauer Künstlers Ludwig Blucha nach einem Entwurf von Bauer abgeschlossen. Die Wände, die den Haupteingang einrahmen, waren ursprünglich mit Wandmalereien von Adolf Zdrazila (1868–1942) geschmückt, mit dem Bauer häufig zusammenarbeitete. In der Nachkriegszeit wurden sie jedoch übertüncht und warten bis heute auf ihre Restaurierung.
Die St. Hedwigskirche ist ein Meisterwerk im Schaffen des Architekten Leopold Bauer. Zugleich ist es sein letztes Werk am Ende eines komplizierten und höchst bemerkenswerten Lebensweges. Mit diesem Gebäude, einem Paradebeispiel für ein Gesamtkunstwerk, kommt zugleich ein wichtiges Kapitel in der Architektur und bildenden Kunst des zu dieser Zeit tschechoslowakischen Schlesiens zum Abschluss.
Die Kirche, die bis dahin als Lagerhaus genutzt wurde, wurde nach der Samtenen Revolution 1990 zum Kulturdenkmal erklärt. Anschließend erfolgte die Restaurierung, und am 16. Oktober 1993, als sich der Todestag der heiligen Hedwig zum 750. Mal jährte, wurde sie geweiht. Aus einer breiteren städtebaulichen Perspektive betrachtet setzte in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit dem Bau der Kirche die Errichtung von Wohnbebauung in der Umgebung ein, wobei die Baufirma des Troppauer Baumeisters Karl Kern federführend war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Platz in den Jahren 1947–1949 durch drei Wohnblocks im spätfunktionalistischen Stil nach Plänen des Brünner Architekten Bohuslav Fuchs vervollständigt. Den Abschluss bildete der Wohnblock U zlatého kříže (Zum Goldenen Kreuz) aus der Epoche des Sozialistischen Realismus, der aus der Werkstatt der Troppauer Niederlassung des Ostrauer Unternehmens Stavoprojekt stammt.
MSt